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Als am 12. November 1992 die Tür im Gerichtssaal 700 des Schwurgerichts Berlin Moabit geöffnet wird, tritt ein alter Mann zur Anklagebank. Sein Name ist Erich Honecker – ehemaliger Staatsratsvorsitzender der Deutschen Demokratischen Republik. Ausweisnummer A00 00 001. 30 Jahre lang war er der erste Mann einer Diktatur. Während Honecker wegen des Schießbefehls an der Mauer vor Gericht steht, schießen Touristen Fotos von dem, was 30 Jahre lang „Die Mauer“ war. Ein Grenzer, der früher mit Schießbefehl im Wachturm saß, verkauft heute Souvenirs. NVA-Mützen: fünf Mark, rotes oder grünes Ampelmännchen: eine Mark, gerahmtes Bild von Erich Honecker: drei Mark.
Noch bevor dieser Prozess in die Hauptverhandlung eintreten kann, wird das Verfahren eingestellt werden. Honecker hat Krebs. Das Urteil würde er nicht mehr erleben. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Artikel 1 des Grundgesetzes der BRD wird in zwei Monaten zur Einstellung des Verfahrens führen. Erich Honecker wird in ein Flugzeug steigen und als freier Mann dieses Land verlassen. 16 Monate später wird er seinem Tumor in Santiago de Chile erliegen. Eine Bürgerrechtlerin wird sagen: „Wir wollten Gerechtigkeit, bekommen haben wir den Rechtsstaat.“ 

Nach DER PROZESS I – EICHMANN und DER PROZESS II – RAF beenden krügerXweiss mit DER PROZESS III – HONECKER, was sie vor über zwei Jahren begonnen haben: die Aufarbeitung deutscher Vergangenheit. Zwei Jahre lang haben sie danach gefragt, ob ein Urteil, das im Namen des Volkes gesprochen wird, die Vergangenheit aufarbeiten, befrieden und abschließen kann. Zwei Jahre lang haben sie die Besucher*innen daran teilhaben lassen, wie der Rechtsstaat an dieser Aufgabe scheitert. Auch der Honecker-Prozess scheitert. Und zwar, weil er funktioniert. Wie erzählt man also einen Prozess, der gar kein Urteil hat? Wie erzählt man einen Prozess, der im Grunde gar nicht stattgefunden hat? Alles, was übrig blieb, ist eine Reihe absurder Anekdoten und eine 12 Seiten lange Erklärung des Täters vor Gericht. 

krügerXweiss haben daraus eine berührende und aufwühlende Stückfassung geschrieben. Sie lassen den Täter sprechen, machen ihn zum Protagonisten seiner eigenen Geschichte. Sie imaginieren eine Erzählung. Sie laden die Besucher*innen ein, Teil eines interaktiven Hörstückes zu werden. Nichts davon ist echt. Aber alles ist so passiert.

Konzept krügerXweiss
Text / Regie Marie-Luise Krüger, Christian Weiß
Musik / Sounddesign Antimo Sorgente
Ausstattung Andrea Jensen
Soundassistenz Lukas Harris
Sprecherin Saskia Petzold

Sprache deutsche Lautsprache
Dauer ca. 90 Minuten
Ort Braunschweiger Dom

Die anderen Teile der Trilogie:

Persönliche Erklärung von Erich Honecker vor dem Berliner Landgericht am 3.Dezember 1992